Das Sonderprogramm zum Einstieg arbeitsloser Jugendlicher in Beschäftigung und Qualifizierung (Jump Plus)
Die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein e. V. führte von März 2004 bis Mai 2005 das Sonderprogramm „Jump Plus“ der Bundesanstalt für Arbeit speziell für Jugendliche mit Migrationshintergrund durch. Ziel dieser Maßnahme war die langfristige Eingliederung jugendlicher Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosengeldempfänger in den ersten Arbeitsmarkt und der Abbau von Hemmnissen durch pädagogische Interventionen, die diesem Ziel im Wege standen. Die pädagogischen Interventionen beinhalteten Sozial- und Motivationstraining, persönliche Beratung und ein Arbeitstraining in Form gemeinnütziger Arbeit.
Zielsetzungen:
Mit dem "Sonderprogramm zum Einstieg arbeitsloser Jugendlicher in Beschäftigung und Qualifizierung" (Jump Plus) sollten bundesweit für insgesamt 100.000 Jugendliche die Chancen zur Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt verbessert sowie der Zugang zu kommunalen Beschäftigungs- und Qualifizierungsangeboten gefördert werden. Des Weiteren wurde in der Übergangssituation der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe der Gefahr eines Abbaus der langjährig gewachsenen kommunalen Netzwerke und Beschäftigungsstrukturen entgegengewirkt, die für die berufliche Integration junger Erwachsener wichtige Hilfestellung leisteten.

Das Sonderprogramm stellte - im Rahmen des geltenden Rechts - einen Vorgriff auf das neue Leistungssystem dar, das im Zuge der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe geschaffen werden sollte. Im neuen Leistungssystem soll jedem arbeitslosen Jugendlichen zwischen 15 bis unter 25 Jahren, der keinen Ausbildungsplatz und keine Beschäftigung findet, eine Beschäftigungs-, Qualifizierungs- oder Ausbildungsmaßnahme angeboten werden.
Zielgruppe:
Gefördert wurden insgesamt bis zu 20 junge Menschen zwischen 18 bis 24 Jahren, die im Sozialhilfebezug standen oder Arbeitslosenhilfe und ggf. ergänzende Sozialhilfe bezogen sowie langzeitarbeitslos oder von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht waren. Langzeitarbeitslosigkeit im Sinne des Sonderprogramms lag bei einer Dauer der Arbeitslosigkeit von mehr als sechs Monaten vor. Ferner wurden auch jene Jugendliche gefördert, die erwerbsfähig und hilfebedürftig waren und solche Jugendliche, bei denen die Teilnahme an der Maßnahme tatsächlich erwarten ließ, dass sich ihre Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern würden.
Inhalt:
Inhalt der über sechs Monate andauernden Maßnahme waren:
  • Sozialtraining in Gruppen
  • Motivationstraining
  • Arbeitstraining in Form gemeinnütziger Tätigkeiten
  • Beratung und Berufsorientierung
  • Vermittlung von Deutschkenntnissen
  • Berichterstattung
Mit dem Arbeitstraining wurde bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), Zum Kesselort 73-75 in 24149 Kiel begonnen.

Dort begannen wir zunächst mit Gartenarbeiten und haben schließlich die Räumlichkeiten durch Malen, Lackieren, Ausbessern etc. renoviert. Insgesamt dauerte das Arbeitsprojekt dort 8 Wochen.

Gearbeitet wurde an 2 Tagen pro Woche.

Das Arbeitstraining fand in der ehemaligen Fröbelschule in der Diedrichstr. 2, in der die tgs-h auch ihre Büroräume hat, statt.
Konzeption einer Jump Plus Maßnahme
Problemlage
Jugendliche SchulabgängerInnen sind heute zu einem großen Teil nicht ausbildungsfähig, da es ihnen an der nötigen Ausbildungsreife und/oder Qualifikation fehlt. Dabei stellen Orientierungslosigkeit, Demotivation, zunehmende Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktlage sowie mangelnde Unterstützung des familiären Systems eine entscheidende Rolle. Im Hinblick auf diese Situation sind Ausbildungsbetriebe überfordert, sie können diesen Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz anbieten und verzichten deshalb z. T. sogar völlig darauf auszubilden mit dem Resultat, dass viele Jugendliche unversorgt (ohne schulische oder berufliche Ausbildung) sind. Dabei wird in den Empfehlungen des Forum Bildung festgestellt, dass „Begabungen von Kindern aus sozial benachteiligten Familien und von Kindern mit Migrationshintergrund (...) oft nicht erkannt und nicht genügend gefördert“1 werden. Diesen Jugendlichen gilt es eine geeignete Vorbereitung und Qualifizierung im Hinblick auf eine Ausbildung anzubieten, gemeinsam mit ihnen brach liegende Ressourcen zu erarbeiten und sie motivierend zu stärken. Gerade bei türkischen MigrantInnen haben wir durch unsere landesweite Projektarbeit dementsprechende Erfahrungen gemacht, so dass hier Handlungsbedarf besteht.
Ziel und Zielgruppe des Projektes
Dieses Projekt soll als berufsvorbereitende Qualifizierungs- und Bildungsmaßnahme über den Zeitraum von einem halben Jahr Jugendliche bei der Berufswahlentscheidung unterstützen und ihre berufliche und soziale Handlungskompetenz stärken. Weiteres Ziel ist die individuellen Chancen der Jugendlichen für eine (dauerhafte) Eingliederung in das Berufs- und Arbeitsleben - unter Berücksichtigung des individuellen Leistungsvermögens und Entwicklungspotentials - zu verbessern. Die wichtigsten Ziele lassen sich wie folgt zusammenfassen:
  • Erweiterung des Berufswahlspektrums
  • Förderung der Motivation zur Aufnahme einer Ausbildung
  • Individuelle maßnahmebegleitende Beratung, insbesondere bei der Entscheidungsfindung und der Planung und Vorbereitung des Überganges in eine Ausbildung, andere Qualifizierungsmaßnahmen oder Beschäftigung
  • Erwerb betrieblicher Erfahrungen und die Reflexion dieser
  • Verbesserung der Bildungsvoraussetzungen zur Ausbildungsaufnahme
  • Stärkung der sozialen Kompetenz und Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen
  • Förderung und Einübung von Einstellungen und Fähigkeiten, die im Hinblick auf das erfolgreiche Durchlaufen einer Ausbildung oder Arbeitnehmertätigkeit notwendig sind.
Zielgruppe sind insbesondere Jugendliche im Alter von 15 bis zu 24 Jahren, vor allem mit Migrationshintergrund, die aufgrund ihrer derzeitigen Ausgangslage die Voraussetzungen zu einer betrieblichen Ausbildung nicht erfüllen.
Die oben benannte Zielgruppe soll im Rahmen eines Projektes, dass zum einen die Ressourcen der Jugendlichen stärkt und ausbaut und zum anderen vorhandene Wissenslücken aufarbeitet und beseitigt, gestärkt und befähigt werden sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Die Begründung der Trägerschaft durch die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein e. V. ergibt sich aufgrund des kulturellen Hintergrundwissens und der (mutter-) sprachlichen Kompetenz. Durch diese Bedingungen erwarten wir uns einen verbesserten Zugang besonders zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu bekommen, um diese adäquat fördern zu können.
Projektinhalte
Bestandaufnahme
Die Ausgangsthese für dieses Projekt ist, dass benachteiligte, vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund im Rahmen einer beruflichen Orientierung durch die Stärkung ihrer Motivation und das Sichtbarmachen ihrer Ressourcen befähigt werden sollen eine Ausbildung oder Arbeit aufzunehmen. Dabei sollen ihre Ressourcen zur Qualifizierung und Integration in den Arbeitsmarkt nutzbar gemacht werden. Die Ressourcen werden durch Interviews, anhand bestimmter Leitfäden abgefragt.
Entwicklung von Qualifizierungs- und Trainingsmaßnahmen / Umsetzung
Aufgrund der Erkenntnis, dass die Zielgruppe einer besonderen Förderung bedarf, sollen speziell auf die Gruppe ausgerichtete Angebote erarbeitet und durchgeführt werden.

Neben dem Kontext der Gruppe wird auch das soziale Umfeld der TeilnehmerInnen berücksichtigt und einbezogen. Es werden bei Bedarf Elterninformationsabende und Elterngespräche durchgeführt. Dadurch sollen die Eltern stärker in die Verantwortung für ihre Tochter/ihren Sohn einbezogen werden, mit dem Ziel die/den einzelne/n Jugendliche/n bestmöglich zu unterstützen.
Maßnahmephasen
Die Maßnahme gliedert sich in drei unterschiedliche Maßnahmephase:
  1. Zunächst geht es in der Orientierungs- und Motivationsphase um die Erkundung unterschiedlicher Berufsfelder. Die Jugendlichen werden über Ausbildungsmöglichkeiten und deren Voraussetzungen, aus ihrem Interessensektor informiert und beraten. Die TeilnehmerInnen werden in Kleingruppen aufgeteilt, die zur präferierten Berufssparte Informationen erarbeiten und vorstellen sollen. Hier erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit ihre beruflichen Vorstellungen einzubringen, zu überprüfen und ggf. zu korrigieren. Dazu bietet sich der Besuch des Arbeitsamtes (BIZ) an, um gemeinsam Informationswege aufzuzeigen und auszuprobieren. Die Jugendlichen werden mit den vielfältigen Angeboten (ASIS, SIS, KURS etc.) vertraut gemacht, so dass Schwellenängste abgebaut werden können, um Informationswege optimal nutzen zu können.

    Während dieser Phase wird gemeinsam mit den Jugendlichen der individuelle Förderplan entwickelt. Als Grundlage dafür werden Einzelgespräche mit den TeilnehmerInnen geführt, die den Stand zu Beginn der Maßnahme festhalten. Der Förderplan soll auch besondere Fähigkeiten und den Förderungsbedarf ermitteln und festhalten. Im Verlauf der Maßnahme wird dieser Förderplan durch Verhaltensbeobachtungen der Gruppenprozesse kontinuierlich fortgeschrieben und ergänzt.

    Das Ziel des Förderplans ist die systematische und evaluierbare Förderung jeder/s einzelnen TeilnehmerIn, ohne dass dabei starr an einmal gefassten Zielsetzungen und Vorgehensweisen festgehalten wird. In dem Förderplan werden auch die Anwesenheit, Pünktlichkeit und Motivation erfasst und beurteilt.

    Am Ende dieser Phase wird das Arbeitstraining vorbereitet. Dabei spielen vor allem die Vorstellungen, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste, aber auch das Durchhaltevermögen in Bezug auf das Praktikum eine Rolle und sollen mit den TeilnehmerInnen thematisiert werden. Am Ende sollen die Jugendlichen sich in vorgenannten Punkten selbst einschätzen, um auftauchende Probleme möglichst im Vorwege anzusprechen und die Eigenwahrnehmung festzustellen, die dann am Ende des Arbeitstrainings mit den gemachten Erfahrungen verglichen werden soll.
  2. In der Vertiefungsphase steht das Arbeitstraining im Vordergrund. Hier werden die TeilnehmerInnen an unterschiedliche Arbeitsfelder, nach dem Grundsatz der gemeinnützigen und zusätzlichen Arbeit herangeführt und können sich praktisch ausprobieren.
    Nach Abschluss eines Arbeitstrainings soll ein Erfahrungsaustausch in der Gruppe stattfinden und die zu Beginn vorgenommene Eigeneinschätzung verglichen, ggf. ergänzt und besprochen werden, so dass falsche Erwartungen und Vorstellungen festgestellt und korrigiert werden können. Der Gesamtteil von Arbeitstrainings während der Maßnahme wird sowohl von den Jugendlichen als auch von den Maßnahmedurchführenden bewertet. So erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit ihre Eigenwahrnehmung zu überprüfen und erfahren auch wie sie selbst wahrgenommen wurden (Fremdwahrnehmung).
  3. In der Stabilisierungs- und Ablösephase geht es darum, die bestehenden Ressourcen weiterhin zu stärken und den Übergang in Ausbildung und Arbeit oder andere (Qualifizierungs-) Maßnahmen zu gestalten.
Theoretischer Teil der Maßnahme
Unterricht
Die Unterrichtung der folgenden allgemeinbildenden Fächer soll die Bildungsvoraussetzungen der TeilnehmerInnen verbessern und damit zur Aufnahme einer Ausbildung oder Beschäftigung beitragen.

Die TeilnehmerInnen erhalten während der Maßnahme je nach Bedarf theoretischen Unterricht in den Fächern:

Deutsch, Englisch, Mathematik sowie Wirtschaft und Politik.

Im Fach Deutsch wird aufgrund des Migrationshintergrundes ein Schwerpunkt auf der Sprachförderung liegen.

Das Lehrangebot wird dem jeweiligen Leistungsstand der Gruppe angepasst. Aus diesem Grunde ist es wichtig eine möglichst homogene Gruppe in Bezug auf den Bildungsstand (Schulabschluss) zu fördern.

Ein wesentliches Ziel der Maßnahme ist die Stärkung der sozialen Kompetenz sowie der Sekundärtugenden wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit etc.

Neben den Unterrichtsstunden sollen die Jugendlichen durch pädagogische Angebote in ihrer Sozialkompetenz gestärkt werden. Unter pädagogischer Anleitung werden mit der Gruppe Wahrnehmungsübungen durchgeführt.
Bewerbungstraining
Als wichtiges Modul der Maßnahme sollen die TeilnehmerInnen ein Bewerbungstraining durchlaufen. Das Training zielt insgesamt ab auf:
  • die Gestaltung schriftlicher Bewerbungen und das Verfahren bei Vorstellungsgesprächen
  • die Befähigung zu eigeninitiativem Handeln für die Nutzung des Stellen- und Bildungsangebotes.
Sozialpädagogische Arbeit
Diese erfolgt auf zwei Ebenen: einmal als in die theoretische und praktische Lernen integrierte Maßnahme im Team und zum anderen als kooperative Maßnahme durch spezielle Aktivitäten (soziales Training), Beratung und Elternarbeit.

Das Hauptziel der sozialpädagogischen Arbeit ist es, die TeilnehmerInnen in ihrer psychosozialen Entwicklung zu fördern und zu unterstützen. Im Bereich des sozialen Lernens soll die Gruppenfähigkeit der TeilnehmerInnen entwickelt werden. Besonders im Hinblick auf den Wegfall der Unterstützung durch das familiäre Bezugssystem steht der/die Sozialpädagoge/in als Ansprechpartner bei persönlichen Problemen zur Verfügung.

Insbesondere wenn Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen, werden die damit verbundenen Probleme und Konflikte so behandelt, dass der/die TeilnehmerIn frei wird, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Geltung zu bringen. Dies geschieht insbesondere durch die Kontaktaufnahme zu den Erziehungsberechtigten, die bei Bedarf bspw. in Form von Einzelberatungen, Elternsprechtagen und Elternabenden stattfinden sollen.
  • Informationen über die Aufgaben und Ziele der Maßnahme
  • Verständnis für die Situation der Jugendlichen
  • Informationen über weitere Hilfemöglichkeiten (Berufsausbildungsbeihilfe, Inanspruchnahme anderer Leistungen)
  • Realistische Einschätzung der Berufschancen ihrer Kinder
  • Möglichkeit eines Erfahrungsaustausches untereinander sowie mit den Fachkräften der Maßnahme.
Praktischer Teil der Maßnahme
Arbeitstraining
Die TeilnehmerInnen durchlaufen während der Maßnahme mehrere Arbeitstrainingeinheiten. Ziel dieser Arbeitstrainings ist, den Weg zur beruflichen Orientierung und damit zur beruflichen Eingliederung durch Praxiserfahrungen zu ebnen. Das Training bietet eine gezielte Vorbereitung auf den Berufsalltag und z. T. auch auf spezifische Bedingungen (Tempo, Leistungsdruck und Kontakt mit Kunden) vorbereitet.

Das Arbeitstraining bietet den TeilnehmerInnen die Gelegenheit vorhandene Kenntnisse zu erfahren und einzusetzen.
Dokumentation
Über den Zeitraum der Durchführung werden die Förderpläne der einzelnen TeilnehmerInnen fortgeführt.
Evaluation
Zu Beginn des Projektes erhält jeder/jede TeilnehmerIn einen Selbsteinschätzungsbogen, der den momentanen Stand abfragt und erfassen soll. Dabei sollen die TeilnehmerInnen Ziele und Hoffnungen im Hinblick auf ihre persönliche und berufliche Zukunft formulieren. Weiterhin sollen sie aufführen, welche Stärken und Schwächen sie sich zuschreiben. Diese Selbsteinschätzung soll ebenfalls am Ende des Projektes erneut durchgeführt werden, um zu erfassen, welche Ziele erreicht wurden, inwieweit die Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander driften und inwieweit sich Veränderungen im Vergleich zum Maßnahmebeginn vollzogen haben.

Mit jedem/r einzelnen TeilnehmerIn wird ein Abschlussgespräch geführt, das auf persönliche Stärken und Schwächen eingeht, Empfehlungen und Ratschläge zur weiteren beruflichen Integration abgibt sowie den weiteren Verbleib der TeilnehmerInnen in Kooperation mit dem Arbeitsamt und anderen Vernetzungspartnern abklärt und organisiert.
Rahmendaten
Verantwortlich Dr. Cebel Kücükkaraca
Projektleiter Astrid Mackeprang
Projektzeitraum 01.03.2004 - 31.05.2005
Standorte Kiel
Träger Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V.
Zielgruppe Arbeitslose jugendliche Migranten im Alter von 18 bis 24 Jahren